Welche Wege wir in unserem Leben gehen und auch wie wir sie gehen, ist meiner Erfahrung nach oft von der Basis die in der Kindheit gelegt wurde abhängig. In meiner Kindheit wurde beispielsweise ein solider Grundstein in Sachen Mut und Selbstvertrauen gelegt. Meine Eltern erzogen mich und meine Geschwister in der Gewissheit, dass wir alles können was wir uns vornehmen und die Option „scheitern“ überhaupt nicht existiert. So waren auch anstehende Prüfungen kein Grund um panisch zu werden, denn das man die Aufgaben meistert, stand schon fest. Selbstverständlich konnte auch mal ein Ergebnis schlechter ausfallen, aber komplettes Durchfallen gab es nicht. Das schlechte Abschneiden war im Übrigen nur der eigenen Einstellung und mangelnder Vorbereitung geschuldet und zu keinem Zeitpunkt wurde der Intellekt an sich in Frage gestellt.
So sehr ich diese positive Grundsteinlegung von damals heute begrüße, so sehr hat mich diese Einstellung früher geärgert. Es wäre einfach viel
leichter gewesen zu sagen: „Ich kann kein Mathe, mir fehlen einfach die dafür notwendigen Anlagen im Gehirn “, anstatt selbstverantwortlich danach schauen zu müssen, das Defizit aufzuarbeiten. „Selbst schuld sein“ am Dilemma ist weniger angenehm und lässt einen nicht so gerne in den Spiegel schauen. Nicht fliegen zu können wie ein Vogel – dafür schämt sich keiner, aber durch die Anatomieprüfung zu fallen, da bleibt irgendwie ein fader Beigeschmack zurück und das hängt man dann auch nicht an die große Glocke.
Aufgrund dieser Erziehung, kam mir als Teenager dann auch nie die Idee, dass ich meine Berufswünsche nicht erreichen könnte. In meiner Vorstellung standen mir alle Türen offen, ich musste nur wählen. Ich überlegte also nicht: „Schaffst du das?“ Sondern vielmehr: „Wie anstrengend wird es? Wie viel Energie und Zeit muss ich investieren und ist mir dieser Beruf das wert?“. Umso überraschter war ich, als ich eine Freundin besuchte und Zeuge eines Gesprächs wurde, das wie folgt ablief:
„Mama, ich möchte gerne weiter auf die Schule gehen und mein Abitur
machen“
„Was? Abitur? Für was das denn?“
„Naja, mir ist einfach klar geworden, dass ich auf alle Fälle studieren
will, am liebsten Design.“
„Studieren? Wart mal lieber erst ab, ob du überhaupt das Abi schaffst.“
Ich stand mit offenem Mund daneben und vergaß vor Schreck zu atmen. Meine Freundin war jung, intelligent und lernwillig und was sagen die netten Eltern: „Wart mal ab ob du das überhaupt schaffst.“ Zu deren Verteidigung muss ich sagen, dass es von jeher deren bestreben war das Kind zu beschützen und dazu gehörten eben auch negative Erfahrungen im schulischen Sektor. Gepaart war dieser Schutzinstinkt mit einem vermutlich weniger ausgeprägten Selbstbewusstsein und dem Wissen „Wir sind keine Akademikerfamilie, bei uns hat man bestenfalls Mittlere Reife“. Auf die eigene Erfahrung basierend, ging man also davon aus, dass ein Studium aufgrund der vorhandenen Basis vermutlich zu schwer sein würde.
Was hat das Ganze aber mit meinem Bewerbungskunden und dem Gute-Fee-Prinzip zu tun? Nun, oft habe ich Kunden vor mir sitzen, die sich in
einer recht festgefahrenen Situation befinden. Sie können oder wollen im Ursprungsberuf nicht mehr arbeiten (gesundheitliche, familiäre oder
wirtschaftliche Gründe), glauben aber auch in keinem anderen Bereich unter kommen zu können. Ich stelle an diesem Punkt immer die Gute-Fee-Frage: „Wenn ich die gute Fee mit den drei Wünschen bin, welchen Beruf würden Sie dann ergreifen?“ In 99% der Fälle bekomme ich eine sehr direkte Antwort darauf. Wenn ich dann freundlich nicke und sage „Ja, dann tun Sie das doch.“ Bekomme ich oft verärgerte, irritierte oder ungläubige Blicke entgegen gesendet, dicht gefolgt von einem ganzen Arsenal an Gründen weshalb mein Kunde eben NICHT den Wunschberuf ergreifen kann (Geld, fehlende Abschlüsse, Intellekt, Alter). An diesem Punkt sehe ich dann oft welcher Grundstein in der Kindheit gelegt wurde und genau dort setze ich dann an, denn ich bin in der Tat eine gute Fee, die weiß, dass ihre Schäfchen alles können was sie wollen.
Im Prinzip hole ich die positive Grundsteinlegung also ein Stück weit nach. Die Sache mit dem Zaubern klappt zwar meist nicht besonders zügig, aber wenn man sich selbst Zeit zum Entwickeln zugesteht, stricke ich gemeinsam mit dem Kunden einen Weg zum Wunschziel. Natürlich wird beispw. ein Bäcker nicht morgen schon als Lehrer unterrichten, aber ich kann mit ihm eine Landkarte entwerfen, durch die er sich durch arbeitet und sofern er am Ball bleibt, kommt er am Reiseziel an. Das Üble an der Sache ist, er ist dafür selbst verantwortlich. Wenn er A nicht angeht, wird er B nicht erreichen. Das ist der Punkt, den sich Menschen auf dem Bewerbungsweg klar machen müssen: Ich bin selbst verantwortlich für den Weg den ich gehe und ich kann mein Ziel erreichen (notfalls über Umwege) und mit Hilfe einer guten Fee, sehe ich den Weg dorthin ein wenig klarer.